Ein Stück Kunststoff verschwindet nicht einfach, wenn es alt wird. Sonne, Wetter und Reibung zerlegen es in immer kleinere Teilchen. Einige davon gelangen in Böden, Flüsse und Seen, andere werden sogar durch die Luft transportiert. Irgendwann führt ihr Weg zu einer naheliegenden Frage: Was bedeutet Mikroplastik für unser Trinkwasser in der Schweiz?
Die Antwort ist weniger alarmierend und zugleich anspruchsvoller, als manche Schlagzeile vermuten lässt. Mikroplastik ist in der Umwelt nachweisbar. Für Schweizer Trinkwasser hielt der Gewässerbericht des Bundes von 2022 dagegen fest, dass mit den damals eingesetzten Untersuchungsmethoden kein Mikroplastik nachgewiesen worden war.
Das ist beruhigend, aber kein Freipass für falsche Gewissheit. Sehr kleine Mikro- und Nanoplastikpartikel sind schwierig zu messen, und ihre gesundheitliche Bedeutung ist noch nicht abschliessend geklärt. Entscheidend ist deshalb nicht, möglichst alarmierende Spuren zu finden, sondern zu verstehen, was tatsächlich gemessen wurde – und was sich daraus ableiten lässt.
Viele Partikel, ein Sammelbegriff
Als Mikroplastik werden meist Kunststoffpartikel mit einer Grösse von weniger als 5 Millimetern bezeichnet. Eine weltweit einheitliche Definition und Messmethode gibt es jedoch nicht. Schon deshalb lassen sich die Ergebnisse verschiedener Studien nicht immer direkt miteinander vergleichen.
Hinzu kommt: Mikroplastik ist kein einheitlicher Stoff. Die Partikel unterscheiden sich in Kunststoffart, Form, Dichte, Alter und chemischer Zusammensetzung. Manche werden bereits in kleiner Form hergestellt oder entstehen direkt bei der Nutzung eines Produkts. Dieses sogenannte primäre Mikroplastik steht dem sekundären Mikroplastik gegenüber, das durch UV-Strahlung, Witterung, mechanische Belastung und Alterung aus grösseren Kunststoffteilen entsteht.
Noch anspruchsvoller wird die Beurteilung bei Nanoplastik. Der Begriff ist in der Fachliteratur nicht einheitlich abgegrenzt; gemeint sind Partikel im Nanometerbereich beziehungsweise – je nach Definition – im untersten Mikrometerbereich. Je kleiner sie werden, desto schwieriger sind Nachweis und Charakterisierung. Erkenntnisse über Mikroplastik lassen sich deshalb nicht einfach auf Nanoplastik übertragen.
Der Weg ins Wasser beginnt oft weit entfernt vom Wasserhahn
Reifen- und Strassenabrieb, synthetische Textilien, verwitternde Kunststoffprodukte, industrielle Prozesse, achtlos entsorgter Abfall, Abwasser und Regenwasser: Die Wege, auf denen Kunststoffpartikel in die Umwelt gelangen, sind vielfältig. Selbst die Atmosphäre kann sie transportieren, bevor sie mit dem Niederschlag wieder auf Böden und Gewässer treffen.
Damit ist Mikroplastik weit mehr als ein Abwasserproblem. Ein Teil der Partikel aus Haushalten, Gewerbe und Industrie gelangt in eine Abwasserreinigungsanlage (ARA). Andere Einträge erreichen über Strassenabfluss, Regenwasser oder die Luft direkt die Umwelt und umgehen diese Barriere vollständig.
Eine schweizweite Untersuchung von BAFU, Eawag, Empa und Agroscope zeigte, dass Kläranlagen einen grossen Teil der Mikroplastikpartikel zurückhalten. Doch technische Reinigung kann nur erfassen, was sie überhaupt erreicht. Je früher Kunststoffemissionen verhindert werden, desto weniger müssen später aus Wasser, Böden oder Sedimenten entfernt werden.
Ein genauer Blick auf die Schweizer Daten
Wer über Mikroplastik im Wasser spricht, muss zwischen Oberflächengewässern, Grundwasser und dem Trinkwasser unterscheiden, das schliesslich aus dem Hahn kommt. In Schweizer Gewässern und Sedimenten wurde Mikroplastik nachgewiesen. Auf dem Weg ins Grundwasser können Boden- und Gesteinsschichten Partikel zurückhalten – wie wirksam, hängt von den jeweiligen geologischen und hydrologischen Verhältnissen ab.
Für das Schweizer Trinkwasser hielt der Gewässerbericht des Bundes 2022 fest, dass bis zum damaligen Untersuchungsstand kein Mikroplastik nachgewiesen worden war. Wissenschaftlich bedeutet das genau das, was dort steht: Mit den eingesetzten Methoden wurde in den untersuchten Proben kein Mikroplastik gefunden. Es bedeutet nicht, dass sich die Abwesenheit sämtlicher Kunststoffpartikel beweisen lässt.
Denn gerade bei sehr kleinen Partikeln entscheidet die Messmethode mit darüber, was sichtbar wird. Welche Grössen werden erfasst? Wie wird eine Probe entnommen und aufbereitet? Welches Analyseverfahren kommt zum Einsatz? Und wie wird verhindert, dass während der Untersuchung zusätzliche Kunststoffpartikel in die Probe gelangen?
Eine Probe mit wenigen grösseren Partikeln kann dadurch ein völlig anderes Bild ergeben als eine mit sehr vielen winzigen Partikeln. Wenn empfindlichere Verfahren künftig mehr davon sichtbar machen, muss das deshalb nicht bedeuten, dass die Belastung plötzlich gestiegen ist. Möglicherweise sehen wir lediglich genauer hin.
Zwischen Nachweis und Gesundheitsrisiko
Die Weltgesundheitsorganisation kam in ihrer Bewertung von Mikroplastik im Trinkwasser zum Schluss, dass die damals verfügbaren Daten keinen Hinweis auf ein bedeutendes Gesundheitsrisiko durch die untersuchten Konzentrationen ergaben. Gleichzeitig verwies sie auf erhebliche Wissenslücken.
Besonders offen ist die Bedeutung sehr kleiner Partikel und von Nanoplastik. Auch die Folgen einer langfristigen Aufnahme über viele Jahre, die Rolle chemischer Zusatzstoffe und an Partikel gebundener Substanzen sind noch nicht abschliessend geklärt. Kunststoffart, Form und Grösse können die Eigenschaften zusätzlich beeinflussen.
Ein analytischer Nachweis allein beschreibt deshalb noch kein Gesundheitsrisiko. Dafür müssen Partikel, Konzentration, Exposition und biologische Wirkung gemeinsam beurteilt werden. Genau hier braucht es bessere und international vergleichbare Daten.
Das grössere Problem liegt in der Umwelt
Die Diskussion über Trinkwasser erfasst ohnehin nur einen Teil des Themas. Kunststoffpartikel sind langlebig. Sie können über lange Zeit in Böden, Sedimenten und Gewässern verbleiben, von Organismen aufgenommen werden und weiter zerfallen, ohne tatsächlich aus der Umwelt zu verschwinden.
Auch wenn bei einer bestimmten Konzentration im Trinkwasser kein konkretes Gesundheitsrisiko nachgewiesen ist, bleibt die zunehmende Verteilung langlebiger Kunststoffpartikel ökologisch unerwünscht. Vorsorge beginnt deshalb sinnvollerweise dort, wo aus einem Kunststoffprodukt noch kein kaum rückholbares Umweltproblem geworden ist.
Was sich verhindern lässt, muss später nicht entfernt werden
Bereits weit verteiltes Mikroplastik grossflächig aus der Umwelt zurückzuholen, ist technisch schwierig. Viel wirkungsvoller ist es, seine Entstehung und Freisetzung früh zu begrenzen.
Im Alltag bedeutet das beispielsweise, Kunststoffprodukte möglichst lange zu nutzen, unnötige Einwegprodukte zu vermeiden, Abfälle nicht in der Umwelt zurückzulassen und synthetische Textilien bewusst auszuwählen und lange zu verwenden. Auch Produkte und Anwendungen, bei denen unnötiger Kunststoffabrieb vermieden wird, können einen Beitrag leisten.
Die Verantwortung endet jedoch nicht beim einzelnen Haushalt. Hersteller, Gemeinden und Infrastrukturbetreiber können mit optimierten Produktionsprozessen, besseren Rückhaltesystemen, wirksamem Abfallmanagement und Massnahmen gegen Einträge aus Strassen- und Regenwasser an ganz anderen Grössenordnungen ansetzen. Entscheidend ist der gesamte Lebenszyklus – von der Herstellung über die Nutzung bis zur Entsorgung.
Und was kann ein Wasserfilter?
Geeignete physikalische Filterverfahren können Partikel aus Wasser zurückhalten. Wie gut das bei Mikroplastik funktioniert, hängt jedoch von der Partikelgrösse, der tatsächlichen Filterfeinheit, Aufbau und Material des Filters, Durchfluss, Zustand und Wartung ab. Auch die verwendete Messmethode beeinflusst das Ergebnis.
Die Werbeaussage «entfernt Mikroplastik» sagt deshalb für sich allein wenig aus. Interessant wird sie erst mit nachvollziehbaren technischen Angaben und unabhängigen Vorher-Nachher-Analysen: Welche Partikelgrössen wurden untersucht? Unter welchen Betriebsbedingungen? Und welche Reduktionsleistung wurde tatsächlich gemessen?
Aus der allgemeinen Diskussion über Mikroplastik lässt sich daher keine pauschale Empfehlung für einen privaten Wasserfilter ableiten. Wer die eigene Trinkwasserqualität beurteilen möchte, sollte zunächst Herkunft und verfügbare Analysedaten der lokalen Wasserversorgung kennen. Bei einer konkreten Fragestellung kann eine gezielte Wasseranalyse sinnvoll sein. Erst dann lässt sich beurteilen, welche Aufgabe ein Filtersystem überhaupt erfüllen soll.
Je genauer wir messen, desto genauer müssen wir urteilen
Die Forschung entwickelt immer empfindlichere Verfahren, um kleinere Kunststoffpartikel nachzuweisen und zu charakterisieren. Dadurch wird sich auch unser Bild der Belastung weiter verändern.
Die Herausforderung der kommenden Jahre besteht deshalb nicht nur darin, immer kleinere Partikel zu finden. Wir müssen Messungen international vergleichbar machen und besser verstehen, welche gesundheitliche und ökologische Bedeutung diese Partikel tatsächlich haben.
Vielleicht liegt darin die wichtigste Erkenntnis der bisherigen Forschung: Je genauer unsere Instrumente werden, desto sorgfältiger müssen wir zwischen dem unterscheiden, was wir messen können, und dem, was diese Messung tatsächlich bedeutet.
Fazit: Mikroplastik verschwindet nicht von selbst
Für Schweizer Trinkwasser lieferte der Gewässerbericht von 2022 einen beruhigenden Befund: Mit den damaligen Untersuchungsmethoden wurde kein Mikroplastik nachgewiesen. Gleichzeitig entwickelt sich die Analytik weiter – und besonders bei sehr kleinen Partikeln bestehen noch Wissenslücken.
Das eigentliche Problem beginnt deshalb lange vor dem Wasserhahn. Kunststoff, der gar nicht erst in Böden, Luft und Gewässer gelangt, muss später weder gemessen noch mit grossem technischem Aufwand zurückgehalten werden.
Der wirksamste Schutz des Wassers beginnt nicht beim Filter. Er beginnt dort, wo aus Kunststoff noch kein Mikroplastik geworden ist.
Quellen und weiterführende Informationen
- Bundesamt für Umwelt BAFU – Gewässer in der Schweiz – Überblick über den Zustand der Schweizer Gewässer und die Einordnung von Mikroplastik.
- Bundesamt für Umwelt BAFU – Schweizweite Untersuchung zu Mikroplastik aus Kläranlagen – Informationen zu Einträgen aus Abwasserreinigungsanlagen und weiteren Quellen.
- Eawag – Mikroplastik und Trinkwasser – Forschung und fachliche Einordnung von Mikroplastik im Wasserkreislauf.
- World Health Organization (WHO) – Microplastics in drinking-water – Bewertung der verfügbaren Erkenntnisse und Forschungslücken.
- US Environmental Protection Agency (EPA) – Microplastics Research – Informationen zu Messmethoden und Forschung zu Mikro- und Nanoplastik.