Stand: 5. Oktober 2026.
Es regnet über der Schweiz. Über den Alpen, über Städten, Rebbergen und Äckern. Das Wasser versickert, speist Bäche, Seen und Grundwasser – und trägt dabei einen Stoff mit sich, von dem die meisten Menschen bis vor Kurzem noch nie gehört hatten.
Er heisst Trifluoressigsäure, kurz TFA.
Im Schweizer Grundwasser ist TFA inzwischen weit verbreitet. Im Niederschlag findet das Bundesamt für Umwelt den Stoff praktisch überall. Und im Juli 2026 hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA ihre gesundheitliche Bewertung deutlich verschärft.
Das klingt zunächst beunruhigend. Doch zwischen «nachweisbar» und «gesundheitsgefährdend» liegt ein entscheidender Unterschied.
Um zu verstehen, was TFA für unser Trinkwasser tatsächlich bedeutet, müssen wir deshalb nicht beim Wasserhahn beginnen, sondern einige Jahre – manchmal Jahrzehnte – früher.
Ein Stoff, der mit dem Wasser reist
TFA gehört zur grossen Familie der PFAS. Chemisch betrachtet ist es ein aussergewöhnlich kleines, vollständig fluoriertes Molekül. Genau diese Kombination macht es für den Gewässerschutz so schwierig.
TFA ist sehr gut wasserlöslich, bindet kaum an Böden und wird unter natürlichen Umweltbedingungen praktisch nicht weiter abgebaut. Wo andere Stoffe zurückgehalten, zersetzt oder biologisch abgebaut werden, reist TFA mit dem Wasser weiter.
Mit dem Regen gelangt es auf den Boden. Mit dem Sickerwasser wandert es nach unten. Irgendwann erreicht es das Grundwasser.
Das kann dauern.
Das BAFU weist darauf hin, dass Niederschlagswasser teilweise mehrere Jahre bis Jahrzehnte benötigt, bis es das Grundwasser erreicht. Was wir heute messen, erzählt deshalb auch eine Geschichte über Emissionen der Vergangenheit. Gleichzeitig können Stoffe, die wir heute freisetzen, noch weit in der Zukunft unsere Wasserressourcen beeinflussen.
Genau darin liegt das eigentliche Problem von TFA: nicht in einer spektakulären akuten Giftigkeit, sondern in seiner Kombination aus Beständigkeit, Mobilität und stetigem Eintrag.
25 Tonnen pro Jahr – allein mit dem Regen
Wie allgegenwärtig der Stoff inzwischen ist, zeigt eine Zahl besonders eindrücklich.
Das BAFU schätzt, dass mit dem Niederschlag jährlich rund 25 Tonnen TFA auf die Schweiz fallen. Die durchschnittliche Konzentration im Niederschlag liegt bei etwa 0,6 Mikrogramm pro Liter. Seit den 1980er-Jahren hat sie sich ungefähr vervierfacht.
Woher kommt dieses TFA?
Eine wichtige Quelle sind fluorierte Kälte- und Treibmittel. Werden bestimmte dieser Stoffe in der Atmosphäre abgebaut, kann daraus TFA entstehen. Der Regen bringt es anschliessend zurück auf die Erde.
Doch das erklärt nicht alles.
Unter landwirtschaftlich genutzten Flächen findet das BAFU deutlich höhere Konzentrationen. Zahlreiche Pflanzenschutzmittel enthalten Strukturen, aus denen beim Abbau TFA entstehen kann. Aktuell nennt das BAFU 26 zugelassene Wirkstoffe mit diesem Potenzial.
Hinzu kommen lokale industrielle Quellen. TFA kann beispielsweise über Industrieabwasser in Kläranlagen gelangen. Dort entsteht das nächste Problem: Konventionelle Abwasserreinigungsanlagen können den kleinen, stabilen Stoff nicht zuverlässig entfernen.
So führen unterschiedliche Wege am Ende zum selben Ziel: ins Wasser.
Doch wie viel davon steckt tatsächlich in unserem Trinkwasser?
Hier beginnt eine wichtige Unterscheidung.
Das BAFU untersuchte TFA 2022 und 2023 an knapp 550 Messstellen der Nationalen Grundwasserbeobachtung NAQUA. Der Stoff wurde schweizweit nachgewiesen. Die Konzentrationen unterscheiden sich jedoch erheblich.
In alpinen Gebieten oberhalb von 1'000 Metern lagen die Werte durchgehend unter 0,6 Mikrogramm pro Liter. In stark ackerbaulich geprägten Einzugsgebieten wurden dagegen häufig Werte zwischen 1 und 5 Mikrogramm pro Liter gemessen. An zwei nahe beieinanderliegenden Standorten in der Nordwestschweiz erreichten die Konzentrationen aufgrund eines industriellen Eintrags sogar 14 beziehungsweise 23 Mikrogramm pro Liter.
Doch diese Zahlen haben einen Haken:
Grundwasser ist nicht automatisch das Wasser, das bei uns aus dem Hahn kommt.
Eine Schweizer Wasserversorgung kann Wasser aus mehreren Grundwasserfassungen, Quellen oder Seen beziehen. Verschiedene Wässer können gemischt, einzelne Fassungen vorübergehend ausser Betrieb genommen oder Rohwässer aufbereitet werden.
Wer also wissen möchte, wie viel TFA tatsächlich aus dem eigenen Wasserhahn kommt, braucht lokale Messdaten der Wasserversorgung – nicht einfach den nächstgelegenen NAQUA-Wert.
Und auch der Wechsel zu Mineralwasser löst diese Unsicherheit nicht automatisch. Mineralwasser stammt ebenfalls aus natürlichen Wasserressourcen. Ohne eine konkrete Analyse der jeweiligen Quelle lässt sich nicht behaupten, dass es weniger TFA enthält.
Dann kam der Juli 2026
Bis hierhin wäre TFA vor allem ein Umweltproblem.
Doch am 22. Juli 2026 veröffentlichte die EFSA ihre neue gesundheitliche Bewertung – und verschob damit den Massstab.
Die Fachleute werteten rund 170 Studien und wissenschaftliche Stellungnahmen aus. Besonders aufmerksam wurden sie bei Veränderungen von Schilddrüsenhormonen in Tierversuchen. Der empfindlichste beobachtete Effekt betraf Thyroxin, ein Hormon, das unter anderem für Stoffwechsel, Wachstum und Entwicklung eine wichtige Rolle spielt.
Auf dieser Grundlage senkte die EFSA die akzeptable tägliche Aufnahme, den sogenannten ADI, von bisher 0,05 auf 0,014 Milligramm TFA pro Kilogramm Körpergewicht und Tag.
Zusätzlich wurde erstmals eine akute Referenzdosis von 0,07 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht festgelegt.
Das sind deutlich strengere Werte.
Aber auch hier ist die Bedeutung leicht misszuverstehen.
Der ADI ist kein Trinkwassergrenzwert. Er beschreibt eine geschätzte Gesamtmenge, die ein Mensch täglich über längere Zeit aufnehmen kann, ohne dass nach heutigem Wissen ein nennenswertes Gesundheitsrisiko zu erwarten ist. Dabei geht es nicht nur um Wasser, sondern um die gesamte Aufnahme über Lebensmittel und Getränke.
Die neue Bewertung bedeutet deshalb nicht, dass Schweizer Hahnenwasser plötzlich gefährlich geworden ist.
Sie bedeutet vielmehr: Wir müssen genauer hinschauen als bisher.
Die entscheidende Frage liegt nicht nur im Wasserglas
TFA kann über Wasser in Pflanzen gelangen und damit Teil unserer Nahrung werden. Das BLV untersucht derzeit das Vorkommen in pflanzlichen Lebensmitteln. Eine vollständige aktuelle Bilanz darüber, wie viel TFA die Schweizer Bevölkerung insgesamt über Wasser und Ernährung aufnimmt, liegt damit noch nicht vor.
Das verändert die Perspektive.
Ein Trinkwasserwert allein beantwortet die gesundheitliche Frage nicht. Entscheidend ist die gesamte Exposition eines Menschen.
Gleichzeitig bestehen wissenschaftliche Unsicherheiten. Die EFSA beurteilt eine Schädigung des Erbguts durch TFA als unwahrscheinlich. Es fehlen jedoch insbesondere Langzeitstudien zur möglichen Krebsentstehung und ausreichende Daten über Auswirkungen auf das sich entwickelnde Immunsystem. Wegen dieser Unsicherheiten wurde bei der Ableitung des neuen ADI zusätzlich zum üblichen Sicherheitsfaktor ein weiterer Faktor von fünf berücksichtigt.
Das ist ein wichtiger Unterschied zur öffentlichen Wahrnehmung solcher Meldungen.
Die Wissenschaft sagt weder «alles harmlos» noch «akute Gefahr».
Sie sagt: Der bisherige Sicherheitsmassstab war aufgrund neuer Erkenntnisse zu grosszügig und muss korrigiert werden.
Und warum filtern wir TFA nicht einfach heraus?
Was kompliziert klingt, scheint zunächst eine einfache technische Antwort zu haben: Wasser filtern.
Bei TFA funktioniert diese Logik jedoch nur eingeschränkt.
Gerade weil das Molekül so klein und gut wasserlöslich ist, greifen viele etablierte Verfahren kaum. Gewöhnliche Aktivkohle ist keine zuverlässige TFA-Barriere. Auch UV-Behandlung oder Ozonung lösen das Problem nicht einfach.
Dichte Membranverfahren wie die Umkehrosmose können TFA dagegen weitgehend vom Trinkwasser abtrennen.
Doch damit verschwindet der Stoff nicht.
Er befindet sich anschliessend konzentriert im abgetrennten Wasserstrom. Dazu kommen Energiebedarf, Investitionskosten, Wartung und die Frage, wie mit dem belasteten Konzentrat umgegangen wird.
Für einen einzelnen Haushalt ist das eine technische Entscheidung. Für eine ganze Wasserversorgung wird daraus schnell eine infrastrukturelle und wirtschaftliche Frage.
Und plötzlich führt uns die Geschichte wieder zurück an ihren Anfang.
Wenn ein extrem langlebiger Stoff einmal grossflächig im Wasserkreislauf angekommen ist, ist es wesentlich schwieriger und teurer, ihn wieder herauszuholen, als seinen Eintrag von Anfang an zu verhindern.
Die Schweiz steht deshalb vor einer anderen Frage
Nicht: Wie viel Filtertechnik können wir installieren?
Sondern: Wie verhindern wir, dass immer mehr TFA entsteht?
Die Politik bewegt sich bereits. Der Bundesrat eröffnete am 27. Mai 2026 eine Vernehmlassung zur Anpassung der PFAS-Höchstwerte im Trinkwasser. Sie endete am 18. September 2026. Vorgesehen ist unter anderem eine stärkere Annäherung an die europäische Trinkwasserregulierung. Ein eigener Schweizer TFA-Höchstwert ergibt sich daraus jedoch noch nicht.
Bei Pflanzenschutzmitteln gibt es ebenfalls Bewegung. Den Wirkstoffen Flufenacet und Tritosulfuron wurde die Genehmigung in der Schweiz per 1. Juli 2025 entzogen. Gleichzeitig bleiben weitere Wirkstoffe im Einsatz, aus denen potenziell TFA entstehen kann.
Doch selbst wenn sämtliche problematischen Einträge morgen enden würden, wäre TFA nicht übermorgen aus dem Grundwasser verschwunden.
Dafür bewegt sich Wasser im Untergrund zu langsam – und TFA bleibt zu lange bestehen.
Was bedeutet das nun für uns?
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis.
TFA ist kein guter Stoff für Schlagzeilen mit einfachen Antworten.
Die flächendeckenden Nachweise sind kein Beweis dafür, dass Schweizer Trinkwasser generell gesundheitsschädlich ist. Umgekehrt wäre es ebenso falsch, die Entwicklung zu ignorieren, nur weil bislang keine allgemeine Gesundheitsgefährdung durch die gemessenen Konzentrationen belegt ist.
Wer seine persönliche Situation kennen möchte, sollte bei der lokalen Wasserversorgung nachfragen, ob TFA im abgegebenen Trinkwasser untersucht wurde und welche Werte gemessen wurden.
Vor allem aber zeigt TFA etwas Grundsätzlicheres.
Unser Trinkwasser beginnt nicht am Wasserhahn.
Es beginnt beim Regen, in der Atmosphäre, auf unseren Feldern, in industriellen Prozessen und in den Einzugsgebieten unserer Quellen und Grundwasserfassungen. Was dort freigesetzt wird, kann Jahre später bei uns ankommen.
Bei einem Stoff, der kaum abgebaut wird, ist deshalb jede vermiedene Emission wertvoller als eine spätere technische Reparatur.
Die neue EFSA-Bewertung ist damit weniger ein Grund zur Panik als ein Warnsignal zur richtigen Zeit.
Denn beim Wasser ist Vorsorge besonders wichtig: Was wir heute nicht hineinbringen, müssen kommende Generationen morgen nicht wieder herausholen.
Quellen und weiterführende Informationen
- Bundesamt für Umwelt BAFU – TFA im Grundwasser
- Bundesamt für Umwelt BAFU – TFA im Niederschlag
- Bundesamt für Umwelt BAFU – TFA: Ein langlebiger Schadstoff
- Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV – Trifluoressigsäure (TFA)
- Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA – Neue gesundheitliche Bewertung von TFA
- EFSA – Gesundheitliche Richtwerte für Trifluoressigsäure
- Bund – Vernehmlassung zu PFAS in Lebensmitteln und Trinkwasser