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Die unsichtbare Wirklichkeit in unserem Wasser: nur ein kleiner Bruchteil der >200 Millionen Chemikalien wurde auf gesundheitliche Risiken getestet und nur für wenige gibt es Grenzwerte
Die unsichtbare Wirklichkeit in unserem Wasser: nur ein kleiner Bruchteil der >200 Millionen Chemikalien wurde auf gesundheitliche Risiken getestet und nur für wenige gibt es Grenzwerte

Chemikalien im Wasser: Was wir wissen – und was offenbleibt

In unserer Umwelt sind sehr viele chemische Stoffe bekannt. Die Datenbank CAS REGISTRY umfasst inzwischen mehr als 200 Millionen registrierte Substanzen. Diese Zahl bedeutet jedoch nicht, dass alle Stoffe industriell verwendet werden oder im Wasser vorkommen. Sie zeigt vor allem die enorme chemische Vielfalt.

Für viele Chemikalien liegen nur begrenzte Informationen zu ihren Eigenschaften, ihrem Verhalten in der Umwelt oder möglichen gesundheitlichen Wirkungen vor. Gleichzeitig gibt es für Trinkwasser nur für einen Teil der bekannten Stoffe konkrete Höchstwerte. Das ist kein Beweis dafür, dass unser Trinkwasser generell gefährlich ist. Es zeigt aber, dass Überwachung und Bewertung auf bestimmte Stoffe, Stoffgruppen und Risiken ausgerichtet sind.

Entscheidend ist deshalb die sachliche Unterscheidung zwischen einem analytischen Nachweis, einer tatsächlichen Belastung, einer gesundheitlich relevanten Exposition und einer belegten Wirkung.

Grundlagen und Einordnung: Was sich im Wasser erkennen lässt

Mehr als 200 Millionen bekannte Substanzen

Chemische Datenbanken enthalten heute über 200 Millionen registrierte Substanzen. Dazu gehören unter anderem organische und anorganische Verbindungen, Salze, Metalle, Polymere, Naturstoffe, biologische Moleküle und Stoffe mit variabler Zusammensetzung.

Die Zahl ist deshalb nicht mit der Zahl der «Chemikalien im Wasser» gleichzusetzen. Viele registrierte Substanzen werden nur in kleinen Mengen hergestellt, ausschliesslich in geschlossenen industriellen Prozessen verwendet oder gar nicht mehr eingesetzt. Andere entstehen erst als Abbauprodukte, Nebenprodukte oder Verbrennungsrückstände.

Warum nur für wenige Stoffe Grenzwerte bestehen

Ein Grenzwert für Trinkwasser entsteht nicht automatisch, sobald eine Chemikalie bekannt ist. Dafür braucht es unter anderem Informationen zur Giftigkeit, zur Aufnahme durch den Menschen, zur längerfristigen Exposition, zum Vorkommen im Wasser und zur Messbarkeit.

Die verfügbaren Ressourcen für toxikologische Untersuchungen und die Überwachung sind begrenzt. Deshalb konzentrieren sich Behörden und Fachstellen auf Stoffe, die häufig vorkommen, besonders langlebig oder mobil sind oder bei denen gesundheitliche oder ökologische Wirkungen plausibel oder bereits belegt sind.

Für viele Chemikalien ist die Datenlage unvollständig. Eine fehlende Untersuchung ist jedoch weder ein Nachweis der Unbedenklichkeit noch ein Beweis für eine Gesundheitsgefahr.

Grenzwert, Messwert und Risiko sind nicht dasselbe

  • Messwert: Eine Substanz wurde mit einer bestimmten Methode und oberhalb einer Bestimmungsgrenze nachgewiesen.
  • Grenzwert: Eine rechtlich oder fachlich festgelegte Konzentration darf nicht überschritten werden oder dient als Beurteilungsmassstab.
  • Exposition: Menschen oder Tiere nehmen einen Stoff tatsächlich auf, beispielsweise über Trinkwasser, Lebensmittel oder die Luft.
  • Risiko: Entscheidend sind Stoffeigenschaften, Konzentration, Dauer und Weg der Aufnahme sowie die Empfindlichkeit der betroffenen Personen.

Ein Nachweis in einem Gewässer bedeutet somit nicht automatisch, dass das abgegebene Trinkwasser gesundheitlich bedenklich ist. Umgekehrt ist eine niedrige Konzentration nicht in jedem Fall bedeutungslos. Die Bewertung muss den konkreten Stoff und die konkrete Situation berücksichtigen.

Ursachen, Quellen und Entstehung

Chemische Stoffe können auf verschiedenen Wegen in den Wasserkreislauf gelangen. Zu den wichtigsten Eintragspfaden gehören:

  • Landwirtschaft, insbesondere Pflanzenschutzmittel, Dünger und Tierarzneimittel
  • Siedlungsgebiete, Haushaltschemikalien, Reinigungsmittel und Körperpflegeprodukte
  • Arzneimittel aus Haushalten, Spitälern und der Tiermedizin
  • Industrie und Gewerbe, darunter Lösungsmittel, Prozesschemikalien und Hilfsstoffe
  • Verkehr, etwa durch Reifenabrieb, Treibstoffe und Korrosionsschutz
  • Deponien, Altlasten, Löschschäume und belastete Standorte
  • Abbauprodukte, die bei der Umwandlung ursprünglicher Stoffe entstehen

Ein Teil der Stoffe gelangt mit gereinigtem Abwasser in Bäche und Flüsse. Moderne Abwasserreinigungsanlagen entfernen viele Verunreinigungen, halten jedoch nicht alle Mikroverunreinigungen vollständig zurück. In der Schweiz werden deshalb ausgewählte ARA mit zusätzlichen Reinigungsstufen ausgebaut.

Andere Stoffe versickern direkt in den Boden oder werden mit Regenwasser abgeschwemmt. Besonders relevant sind langlebige und mobile Verbindungen. Dazu zählen beispielsweise bestimmte Pestizid-Metaboliten, PFAS, chlorierte Lösungsmittel und weitere Industriechemikalien.

Auch natürliche Prozesse können Stoffe verändern. Aus einem ursprünglichen Wirkstoff können mehrere Abbauprodukte entstehen. Diese besitzen möglicherweise andere Eigenschaften und können mobiler oder langlebiger sein als der Ausgangsstoff.

Aktuelle Situation und Bedeutung in der Schweiz

Grundwasser ist die wichtigste Trinkwasserressource

Grundwasser und Quellwasser decken in der Schweiz gut 80 Prozent des Trinkwasserbedarfs ab. Das macht den Schutz des Untergrunds besonders wichtig. Grundwasser ist unsichtbar und bewegt sich je nach Untergrund, Niederschlag und örtlichen Bedingungen unterschiedlich schnell.

Viele ergiebige Grundwasservorkommen liegen in Flusstälern und im Mittelland. Dort befinden sich gleichzeitig zahlreiche Siedlungs-, Verkehrs-, Industrie- und Landwirtschaftsflächen. Die wichtigsten Trinkwasserressourcen liegen damit teilweise in Gebieten, in denen viele Stoffe eingesetzt und transportiert werden.

Mikroverunreinigungen in Oberflächengewässern

In Schweizer Fliessgewässern werden zahlreiche Mikroverunreinigungen nachgewiesen. Dazu gehören Pestizide, Arzneimittel und weitere Chemikalien. Die Konzentrationen reichen je nach Stoff und Gewässer von Nanogramm pro Liter bis zu Mikrogramm pro Liter.

In kleinen und mittelgrossen Fliessgewässern sind häufig Pestizide besonders relevant. In grösseren Flüssen werden unter anderem Arzneimittel nachgewiesen. Für Wasserlebewesen können einzelne Stoffe bereits in sehr tiefen Konzentrationen problematisch sein.

Diese Befunde betreffen zunächst das Gewässer oder Oberflächenwasser. Sie sind nicht automatisch mit der Qualität des abgegebenen Trinkwassers gleichzusetzen. Zwischen einem belasteten Bach, einer Grundwasserfassung und dem Trinkwasserhahn liegen je nach Situation Verdünnung, natürliche Rückhalteprozesse, Aufbereitung und Kontrollen.

Grenzwerte decken nicht alle denkbaren Stoffe ab

Die Schweiz verfügt über gesetzliche Anforderungen für zahlreiche chemische Parameter im Trinkwasser und im Gewässerschutz. Für ausgewählte PFAS gelten beispielsweise Höchstwerte. Auch Pestizide und bestimmte Arzneimittel sind in der Gewässerschutzgesetzgebung geregelt.

Gleichzeitig besteht kein Grenzwert für jede bekannte Chemikalie. Bei neu auftretenden Stoffen oder Stoffgruppen können Messmethoden, toxikologische Bewertungen und rechtliche Vorgaben erst entwickelt werden. Die Überwachung muss deshalb laufend angepasst werden.

Auswirkungen, Risiken und Bewertung

Gesundheitliche Risiken

Ob eine Chemikalie die Gesundheit beeinträchtigen kann, hängt nicht allein von ihrer Existenz oder ihrem Nachweis ab. Wichtig sind insbesondere:

  • die Konzentration und die Dauer der Belastung
  • die Aufnahme über Trinkwasser, Lebensmittel, Luft oder Haut
  • die Giftigkeit und Wirkungsweise des Stoffes
  • die Empfindlichkeit von Kindern, Schwangeren, älteren oder kranken Personen
  • die gleichzeitige Belastung durch mehrere Stoffe

Bei einigen Stoffen sind Wirkungen auf Organe, Hormonsystem, Fortpflanzung oder Erbgut gut untersucht. Bei anderen ist die Datenlage lückenhaft. Besonders anspruchsvoll ist die Bewertung von Stoffgemischen, weil Menschen und Ökosysteme nicht immer nur einem einzelnen Stoff ausgesetzt sind.

Aus einem fehlenden Grenzwert darf deshalb nicht abgeleitet werden, dass ein Stoff sicher ist. Ebenso wäre es falsch, jeden Nachweis ohne Berücksichtigung der Konzentration als akute Gesundheitsgefahr zu bewerten.

Ökologische Auswirkungen

Gewässerorganismen können auf einzelne Stoffe empfindlicher reagieren als Menschen. Pestizide und manche Arzneimittel können beispielsweise bereits in sehr niedrigen Konzentrationen nachteilige Wirkungen auf Fische, wirbellose Tiere oder Algen haben.

Für die ökologische Bewertung sind deshalb andere Kriterien massgebend als für die Beurteilung von Trinkwasser. Ein Wert kann für ein empfindliches Wasserlebewesen relevant sein, ohne dass daraus unmittelbar eine gesundheitliche Gefahr für Menschen entsteht.

Was die Aussage «nur ein kleiner Bruchteil ist getestet» wirklich bedeutet

Eine weltweit exakt berechnete Quote der gesundheitlich vollständig geprüften Chemikalien gibt es nicht. Dafür ist unklar, welche Stoffe als «in Verwendung», «getestet» oder «ausreichend bewertet» gelten sollen. Zudem unterscheiden sich die Datenbanken und gesetzlichen Anforderungen je nach Land und Verwendungszweck.

Belegt ist jedoch, dass für eine grosse Zahl der bekannten oder verwendeten Chemikalien keine umfassende Bewertung aller relevanten Gesundheits- und Umweltrisiken vorliegt. Deshalb ist die Aussage als Hinweis auf eine erhebliche Wissenslücke sinnvoll – nicht als präzise statistische Prozentangabe.

Möglichkeiten, Lösungen und praktische Massnahmen

Einträge an der Quelle reduzieren

Die wirksamste Massnahme besteht darin, problematische Stoffe möglichst gar nicht erst in die Umwelt gelangen zu lassen. Dazu gehören gezielte Vorgaben für besonders besorgniserregende Chemikalien, ein sorgfältiger Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und die Entwicklung weniger problematischer Ersatzstoffe.

Auch Industrie, Gewerbe, Landwirtschaft, Gemeinden und Privathaushalte tragen Verantwortung. Produkte sollten entsprechend ihrer Anwendung dosiert und nicht über Toilette, Lavabo oder Strassenabläufe entsorgt werden.

Abwasserreinigung weiterentwickeln

Zusätzliche Reinigungsstufen können bestimmte Mikroverunreinigungen deutlich reduzieren. Sie ersetzen jedoch nicht die Vermeidung an der Quelle. Eine technische Entfernung ist oft aufwendig und verlagert Stoffe teilweise in andere Abfallströme.

Für eine nachhaltige Lösung braucht es deshalb eine Kombination aus Stoffvermeidung, sauberer Produktion, geeigneter Abwasserbehandlung und risikobasierter Überwachung.

Monitoring und Bewertung verbessern

Behörden und Fachstellen sollten Messprogramme laufend an neue Erkenntnisse anpassen. Dazu gehören empfindlichere Analysen, die Untersuchung von Abbauprodukten, eine bessere Erfassung von Stoffgemischen und der Austausch von Daten zwischen Forschung, Industrie und Behörden.

Für dich ist eine verständliche Kommunikation wichtig. Sie sollte klar zwischen Umweltbelastung, Trinkwasserqualität und gesundheitlichem Risiko unterscheiden.

Was du im Haushalt tun kannst

  • Arzneimittel nie über Toilette oder Lavabo entsorgen, sondern an einer Rücknahmestelle abgeben.
  • Reinigungs- und Gartenprodukte sparsam sowie gemäss Anleitung verwenden.
  • Keine Chemikalien, Farben oder Lösungsmittel in Strassenabläufe oder Kanalisation schütten.
  • Bei privaten Wasserfiltern auf einen konkreten Bedarf, korrekte Wartung und regelmässigen Filterwechsel achten.
  • Informationen zur lokalen Trinkwasserqualität bei der Gemeinde oder Wasserversorgung beziehen.

Ein Haushaltsfilter ist nicht automatisch notwendig. Er kann bei einer nachgewiesenen lokalen Belastung sinnvoll sein, muss aber zur betreffenden Substanz passen. Falsch gewartete Geräte können die Wasserqualität sogar verschlechtern.

Ausblick: Forschung, Entwicklung und Zukunft

Die Zahl bekannter chemischer Substanzen wird weiter wachsen. Gleichzeitig verbessern sich Analyseverfahren, Datenbanken und Modelle zur Bewertung von Stoffeigenschaften. Dadurch können heute noch nicht erfasste Verbindungen und Abbauprodukte künftig besser erkannt werden.

Ein wichtiger Trend ist die Bewertung von Stoffgruppen statt nur einzelner Chemikalien. Bei PFAS zeigt sich beispielsweise, dass viele Verbindungen ähnliche Eigenschaften besitzen und gemeinsam betrachtet werden müssen. Auch Kombinationseffekte und langlebige Abbauprodukte rücken stärker in den Fokus.

Die Zukunft des Gewässerschutzes liegt deshalb nicht allein in immer tieferen Messgrenzen. Entscheidend sind robuste Vorsorge, verlässliche Daten, wirksame Quellenkontrolle und eine Aufbereitung, die auf die tatsächliche Belastung abgestimmt ist.

Für die Schweiz bedeutet dies: Der Schutz von Grundwasser und Oberflächenwasser bleibt eine zentrale Aufgabe. Die vorhandenen Kontrollen und gesetzlichen Vorgaben bilden eine wichtige Grundlage. Sie müssen jedoch mit neuen Stoffen, neuen Erkenntnissen und veränderten Umweltbedingungen Schritt halten.

Die wichtigste Schlussfolgerung lautet daher: Die grosse Zahl bekannter Chemikalien ist kein Grund für pauschale Angst. Sie ist aber ein überzeugendes Argument für Vorsorge, transparente Überwachung und einen konsequenten Schutz unserer Wasserressourcen.

Quellen und weiterführende Informationen