PFAS wurden an knapp der Hälfte der untersuchten Grundwassermessstellen in der Schweiz nachgewiesen. Das klingt alarmierend. Doch die Zahl erzählt nur einen Teil der Geschichte: Grundwasser ist nicht automatisch das Wasser, das bei dir aus dem Hahn fliesst. Und ein analytischer Nachweis ist noch keine gesundheitliche Diagnose.
Die eigentliche Herausforderung liegt tiefer. PFAS sind keine einzelne Chemikalie, sondern eine grosse Stoffgruppe. Manche Verbindungen reichern sich in Organismen an, andere bewegen sich besonders leicht mit dem Wasser. Viele bleiben über lange Zeit in der Umwelt. Deshalb lässt sich die Belastung weder mit einem einzigen Messwert noch mit dem pauschalen Versprechen lösen, ein Filter «entferne PFAS».
Die nützliche Eigenschaft, die zum Umweltproblem wurde
PFAS steht für per- und polyfluorierte Alkylverbindungen. Zu dieser Gruppe künstlich hergestellter organischer Fluorverbindungen gehören unter anderem PFOS, PFOA, PFHxS und PFNA. Ihre wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften sowie ihre chemische und thermische Stabilität machten sie für zahlreiche Anwendungen attraktiv.
PFAS kamen oder kommen deshalb in Feuerlöschschäumen, Textilien und Imprägnierungen, fettabweisenden Beschichtungen, Farben, Lacken und Kunststoffen zum Einsatz. Auch industrielle Prozesse, Elektronik, Batterietechnik, bestimmte Kälte- und Treibmittel sowie Skiwachs gehören zu den Anwendungsfeldern.
Was im Produkt erwünscht ist, wird nach der Freisetzung zum Problem. Viele PFAS besitzen ausgesprochen stabile Kohlenstoff-Fluor-Bindungen. Natürliche Prozesse können sie nur schwer oder gar nicht aufbrechen. Daher stammt die Bezeichnung «Ewigkeitschemikalien».
Ein Teil der Stoffe ist sehr mobil und kann mit Wasser über grosse Distanzen wandern. Andere PFAS reichern sich in Organismen und entlang der Nahrungskette an. Einschränkungen und Verbote stoppen zwar neue Anwendungen, beseitigen aber keine früheren Einträge. Diese können Böden und Wasserressourcen noch Jahre oder Generationen später beeinflussen.
Viele Wege führen ins Grundwasser
Besonders hohe lokale Belastungen stehen häufig mit PFAS-haltigen Feuerlöschschäumen in Verbindung. Auf Brand- und Übungsplätzen konnten die Chemikalien wiederholt in den Boden und von dort in den Untergrund gelangen. Weitere Einträge stammen aus Industrie und Gewerbe, Deponien oder anderen belasteten Standorten.
Auch Gewässer spielen eine Rolle: PFAS können über Abwasser in Kläranlagen gelangen, nach der Reinigung in Flüsse fliessen und mit infiltrierendem Flusswasser das Grundwasser erreichen. Bestimmte fluorierte Verbindungen werden zudem in der Atmosphäre transportiert und mit dem Niederschlag eingetragen.
Hinzu kommen sogenannte Vorläuferstoffe. Diese teilfluorierten Verbindungen können sich erst in der Umwelt in besonders beständige PFAS umwandeln. Eine einzelne Wasserprobe zeigt daher, welche Stoffe zum Zeitpunkt der Messung vorhanden waren – ihre Quelle lässt sich daraus allein meist nicht zweifelsfrei bestimmen.
Das Schweizer Grundwasserbild: verbreitet, aber sehr unterschiedlich
Die Nationale Grundwasserbeobachtung NAQUA untersuchte in einer schweizweiten Pilotstudie knapp 550 Messstellen auf 26 PFAS. Das Ergebnis: An knapp der Hälfte der Messstellen waren PFAS nachweisbar.
An rund 25 % der Messstellen lag die Summe der analysierten PFAS über 0,01 Mikrogramm pro Liter. Rund 2 % wiesen mehr als 0,1 Mikrogramm pro Liter auf. Der Schwerpunkt liegt im Siedlungsgebiet, wo PFAS an mehr als 90 % der untersuchten Messstellen gefunden wurden.
Bei Konzentrationen über 0,1 Mikrogramm pro Liter befanden sich im Einzugsgebiet fast immer Orte, an denen früher PFAS-haltige Feuerlöschschäume eingesetzt worden waren. Als weitere Ursachen kommen Deponien und belastetes Flusswasser infrage.
Diese Ergebnisse zeigen eine verbreitete Umweltbelastung. Sie bedeuten jedoch nicht, dass das Schweizer Trinkwasser generell gesundheitlich bedenklich wäre.
Zwischen Grundwasser und Wasserhahn liegt die Versorgung
Grundwasser ist eine natürliche Ressource. Trinkwasser dagegen ist das Wasser, das eine Versorgung abgibt und das die gesetzlichen Anforderungen erfüllen muss. Dazwischen können mehrere Schritte liegen.
Je nach lokaler Situation kann eine Wasserversorgung verschiedene Fassungen nutzen, Wasser aus mehreren Quellen mischen, eine belastete Fassung stilllegen oder eine zusätzliche Aufbereitung einsetzen. Die Konzentration an einer Grundwassermessstelle lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres auf dein Leitungswasser übertragen.
Wenn du deine persönliche Situation beurteilen willst, sind die Messdaten deiner Wasserversorgung entscheidend. Nach aktuellem Kenntnisstand kann Schweizer Trinkwasser bedenkenlos konsumiert werden. Bei einer schweizweiten Untersuchung von 2023 enthielt mehr als die Hälfte der Proben keine nachweisbaren PFAS; keine Probe überschritt die geltenden Schweizer Höchstwerte.
Die geltenden Höchstwerte – und die offene regulatorische Entwicklung
Für Trinkwasser gelten in der Schweiz derzeit folgende Höchstwerte:
- PFOS: 0,3 Mikrogramm pro Liter
- PFHxS: 0,3 Mikrogramm pro Liter
- PFOA: 0,5 Mikrogramm pro Liter
In der Europäischen Union gilt für die Summe von 20 ausgewählten PFAS ein Wert von 0,1 Mikrogramm pro Liter. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) überprüft die Schweizer Höchstwerte. Deshalb muss bei jeder Einordnung klar sein, ob sie sich auf aktuell geltendes Recht oder auf diskutierte beziehungsweise erwartete Anforderungen bezieht.
Gesundheitsrisiken lassen sich nicht vom blossen Nachweis ableiten
Nicht alle PFAS wirken gleich, und zu vielen Stoffen bestehen erhebliche Wissenslücken. Besonders gut untersucht sind PFOS, PFOA, PFNA und PFHxS. Sie können sich im Körper anreichern und werden unter anderem mit Beeinträchtigungen des Immunsystems sowie Auswirkungen auf Leber, Cholesterinwerte und Geburtsgewicht in Verbindung gebracht.
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) legte für diese vier PFAS eine gemeinsame tolerierbare wöchentliche Aufnahmemenge fest. Als besonders empfindlicher gesundheitlicher Endpunkt floss die verminderte Antikörperantwort nach Impfungen in die Bewertung ein.
Trotzdem gilt: Ein analytischer Nachweis im Wasser bedeutet nicht automatisch eine konkrete Gesundheitsschädigung. Eine seriöse Risikobewertung muss den Stoff, seine Konzentration, die aufgenommene Menge und die Dauer der Exposition gemeinsam betrachten. Zudem erfolgt die PFAS-Aufnahme nicht nur über Wasser, sondern hauptsächlich über die Nahrung.
TFA verschiebt den Blick auf das Problem
Während die öffentliche Diskussion häufig bei PFOS und PFOA beginnt, zeigt Trifluoressigsäure (TFA) die grössere Dimension der Stoffgruppe. TFA ist vollständig fluoriert, ausgesprochen mobil und persistent. Untersuchungen der Nationalen Grundwasserbeobachtung aus den Jahren 2022 und 2023 fanden die Verbindung flächendeckend im Schweizer Grundwasser.
Die Konzentrationen lagen etwa 100- bis 1'000-mal höher als bei den übrigen bisher im Grundwasser nachgewiesenen PFAS. Unter Ackerland waren die Werte deutlich erhöht. Dort gelangt TFA grossflächig als Abbauprodukt bestimmter Pflanzenschutzmittel ins Grundwasser.
Eine weitere wichtige Quelle sind gasförmige Kälte- und Treibmittel. Ihre Abbauprodukte gelangen über die Atmosphäre und den Niederschlag in Böden und Gewässer. Industrielle Abwässer können punktuell besonders hohe Belastungen verursachen; auch Biozide und Arzneimittel kommen als Quellen infrage.
TFA macht sichtbar, weshalb die PFAS-Frage nicht mit dem Verbot einzelner bekannter Stoffe erledigt ist. Ersatzstoffe und Abbauprodukte können ein anderes Umweltverhalten zeigen und neue Anforderungen an Überwachung und Aufbereitung stellen.
PFAS filtern: Entscheidend ist der Leistungsnachweis
Mit geeigneten Verfahren lassen sich bestimmte PFAS aus Wasser reduzieren. Zum Einsatz kommen insbesondere Aktivkohle, Ionenaustauscher sowie Umkehrosmose und andere Membranverfahren. Wie gut das gelingt, hängt von der konkreten Verbindung, ihrer Konzentration, der Wasserzusammensetzung, dem Filtermaterial und den Betriebsbedingungen ab.
Langkettige PFAS lassen sich häufig anders behandeln als kurzkettige, sehr mobile Stoffe. Ein pauschales Werbeversprechen wie «entfernt PFAS» sagt daher wenig aus. Bevor du ein Filtersystem beurteilst, brauchst du belastbare Antworten:
- Welche PFAS wurden im Test tatsächlich untersucht?
- Bei welchen Ausgangskonzentrationen wurde gemessen?
- Welche Reduktionsleistung wurde unter definierten Bedingungen erreicht?
- Wie entwickelt sich die Leistung über die Nutzungsdauer?
- Wie häufig muss das Filtermaterial gewechselt oder regeneriert werden?
- Was geschieht anschliessend mit den zurückgehaltenen PFAS?
Nicht das allgemeine Versprechen zählt, sondern der dokumentierte Nachweis für konkrete Stoffe unter nachvollziehbaren Bedingungen.
Abtrennen ist noch keine Zerstörung
Aktivkohle, Ionenaustauscher und Membranen können PFAS aus dem Wasser holen oder in einem kleineren Stoffstrom konzentrieren. Die chemischen Verbindungen verschwinden dadurch jedoch nicht. Sie befinden sich danach im beladenen Filtermaterial, in einem Regenerat oder in konzentriertem Abwasser.
Genau hier beginnt der schwierigere Teil der Behandlung. Die stabilen Kohlenstoff-Fluor-Bindungen widerstehen vielen konventionellen biologischen Abbauprozessen. Selbst Mikroorganismen, die einfachere fluorierte Verbindungen abbauen können, stossen bei stark fluorierten PFAS an Grenzen.
Die Forschung untersucht deshalb thermische, elektrochemische, photochemische, katalytische und weitere physikalisch-chemische Verfahren. Sie sollen die Molekülstruktur möglichst vollständig aufbrechen, ohne neue problematische Zwischen- oder Nebenprodukte zu erzeugen.
Ein praxistaugliches Verfahren muss unterschiedliche PFAS zuverlässig erfassen, eine hohe Zerstörungsleistung und möglichst vollständige Defluorierung erreichen und zugleich sicher, energieeffizient sowie wirtschaftlich betreibbar sein. Was im Labor oder Pilotmassstab funktioniert, eignet sich noch nicht automatisch für grosse Trinkwassermengen.
Ein realistischer Ansatz verbindet deshalb zwei Schritte: Zuerst werden PFAS aus einer grossen Wassermenge entfernt und konzentriert. Danach lässt sich der wesentlich kleinere, stärker belastete Stoffstrom gezielt behandeln oder zerstören.
Wenn du PFAS in deinem Trinkwasser vermutest
Ein allgemeiner Nachweis irgendwo in der Schweiz erlaubt keine Aussage über deinen Wasserhahn. Statt aufgrund von Medienmeldungen vorschnell einen Filter zu kaufen, solltest du die lokale Situation klären:
- Frage deine Wasserversorgung nach vorhandenen PFAS- und TFA-Messungen.
- Kontaktiere bei Bedarf die zuständige kantonale Fachstelle.
- Beauftrage für eine eigene Untersuchung ein qualifiziertes Labor.
- Kläre vorab, welche PFAS das Analysepaket umfasst.
- Beurteile die Resultate zusammen mit Nachweisgrenzen und Bedingungen der Probenahme.
- Entscheide erst auf Grundlage der tatsächlichen Belastung über eine Aufbereitung.
Gerade bei PFAS ist eine gezielte Analyse wertvoller als eine pauschale Annahme. Sie zeigt nicht nur, ob etwas nachgewiesen wurde, sondern auch, welche Verbindung in welcher Konzentration vorliegt.
Die Lösung beginnt vor dem Wasserwerk
Empfindlichere Messmethoden und mehr untersuchte Substanzen werden das Bild der Belastung weiter verändern. Gleichzeitig verschiebt sich der Fokus von wenigen bekannten Einzelstoffen auf die gesamte Gruppe und auf hochmobile Abbauprodukte wie TFA.
Aufbereitung bleibt dort wichtig, wo eine konkrete Belastung besteht. Dauerhaft lösen lässt sich das Problem aber nicht allein am Ende der Versorgungskette. Neue Einträge müssen möglichst an der Quelle verhindert, belastete Standorte erkannt und saniert sowie Grund- und Trinkwasser systematisch überwacht werden.
Wo PFAS entfernt werden müssen, braucht es belegte Verfahren und einen sicheren Umgang mit den konzentrierten Rückständen. Das langfristige Ziel darf nicht bloss darin bestehen, die Chemikalien vom Wasser in einen Filter zu verschieben. Es muss gelingen, sie kontrolliert und möglichst vollständig zu zerstören.
PFAS verlangen deshalb eine Strategie mit langem Atem: Einträge vermeiden, Belastungen präzise messen, Trinkwasser bei Bedarf gezielt aufbereiten und die abgetrennten Stoffe sicher behandeln.
Quellen und weiterführende Informationen
- Bundesamt für Umwelt BAFU – PFAS im Grundwasser – Ergebnisse der schweizweiten NAQUA-Untersuchung und Informationen zu Eintragsquellen.
- Bundesamt für Umwelt BAFU – TFA im Grundwasser – Schweizer Messdaten zu Trifluoressigsäure und ihren wichtigsten Quellen.
- Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV – PFAS – Gesundheitliche Bewertung, Kontrollen und geltende Schweizer Trinkwasser-Höchstwerte.
- Bundesamt für Umwelt BAFU – Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen – Informationen zu PFAS in der Umwelt, belasteten Standorten und der Schweizer Regulierung.
- Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA – PFAS – Wissenschaftliche Bewertungen ausgewählter PFAS und ihrer gesundheitlichen Auswirkungen.
- Eawag – Forschung zum Abbau fluorierter Verbindungen – Forschung zu Kohlenstoff-Fluor-Bindungen und zum biologischen Abbau fluorierter Chemikalien.