Was heute auf dem Feld ausgebracht wird, kann morgen im Bach liegen – oder Jahre später im Grundwasser auftauchen. Genau darin liegt die besondere Herausforderung von Pestiziden: Ihr Nutzen entsteht am Einsatzort, ihre Folgen können sich jedoch weit darüber hinaus zeigen.
In der Schweiz ist das besonders relevant. Rund 80 Prozent des Trinkwassers stammen aus Grundwasser. Dessen Schutz ist deshalb nicht nur eine ökologische Aufgabe, sondern eine Voraussetzung für eine langfristig sichere Wasserversorgung. Zugleich verlangt das Thema eine präzise Unterscheidung: Ein Nachweis im Grundwasser ist nicht automatisch ein Gesundheitsrisiko im Trinkwasser. Er ist aber immer ein Signal, das fachlich eingeordnet und ernst genommen werden muss.
Die entscheidende Unterscheidung: Grundwasser ist nicht Trinkwasser
Grundwasser ist eine natürliche Ressource. Trinkwasser ist jenes Wasser, das die gesetzlichen Anforderungen erfüllt und von deiner Wasserversorgung abgegeben wird. Je nach Qualität kann Grundwasser direkt genutzt, mit Wasser aus anderen Fassungen gemischt oder aufbereitet werden.
Darum lässt sich ein Messwert aus einer Grundwassermessstelle nicht eins zu eins auf das Wasser aus dem Hahn übertragen. Entscheidend sind der konkrete Stoff, seine Konzentration, seine toxikologischen Eigenschaften, die Dauer der Belastung und die Frage, ob und in welcher Menge er tatsächlich ins abgegebene Trinkwasser gelangt.
Was mit «Pestiziden» gemeint ist
Pestizide ist ein Sammelbegriff für Stoffe, die unerwünschte Organismen bekämpfen oder deren Entwicklung beeinflussen. Dazu gehören vor allem Pflanzenschutzmittel und bestimmte Biozide. Herbizide richten sich gegen unerwünschte Pflanzen, Fungizide gegen Pilzkrankheiten und Insektizide gegen Schadinsekten.
Für die Wasserqualität sind jedoch nicht nur die ursprünglichen Wirkstoffe relevant. Im Boden und im Wasser können sie sich chemisch oder biologisch verändern. Dabei entstehen Metaboliten, also Abbauprodukte mit eigenen Eigenschaften. Einige sind besonders mobil, andere langlebig – und manche gelangen leichter ins Grundwasser als der ursprüngliche Wirkstoff.
Wie Pestizide in Gewässer gelangen
Nach der Anwendung bleiben Pflanzenschutzmittel nicht zwingend dort, wo sie ausgebracht wurden. Ihr Verhalten hängt unter anderem von den chemischen Eigenschaften des Stoffes, dem Boden, der Witterung, dem Zeitpunkt und der Technik der Anwendung sowie den lokalen Wasserverhältnissen ab.
Bei starkem Regen können gelöste Stoffe von Feldern abgeschwemmt werden. Mit erodiertem Boden gelangen auch gebundene Wirkstoffe in Bäche, Flüsse und Seen. Mobile Verbindungen und Metaboliten können mit dem Sickerwasser durch den Boden wandern und das Grundwasser erreichen. Drainagen verkürzen diesen Weg teilweise erheblich.
Eine besondere Rolle spielen zudem Punktquellen: Beim Befüllen oder Reinigen von Geräten können kleine Fehler auf dem Hofplatz lokal grosse Einträge verursachen, etwa wenn Pflanzenschutzmittel in Schächte oder Entwässerungssysteme gelangen. Agroscope untersucht deshalb Erosion, Abschwemmung, Auswaschung, Drainageabfluss und Hofplatzentwässerung als zentrale Eintragspfade. (agroscope.admin.ch)
Was die Schweizer Messdaten zeigen
Die Nationale Grundwasserbeobachtung NAQUA erfasst den Zustand und die langfristige Entwicklung des Grundwassers an mehr als 600 Messstellen. Die aktuellen Angaben des Bundesamts für Umwelt zeigen ein differenziertes Bild: Pestizide überschreiten den Wert von 0,1 Mikrogramm pro Liter jährlich an rund 1 bis 2 Prozent der Messstellen. Bei den Abbauprodukten ist das Vorkommen deutlich verbreiteter. Pestizid-Metaboliten werden landesweit an rund jeder dritten Messstelle in Konzentrationen von mehr als 0,1 Mikrogramm pro Liter gefunden. Besonders betroffen ist das landwirtschaftlich intensiv genutzte Mittelland. (bafu.admin.ch)
Die regionale Situation kann jedoch stark abweichen. Geologie, Boden, Niederschlag, Landnutzung, Grundwasserneubildung und die Tiefe des Grundwasservorkommens bestimmen mit, welche Stoffe in welcher Konzentration auftreten. Für deine persönliche Trinkwasserqualität zählt deshalb nicht der Schweizer Durchschnitt, sondern die konkrete Wasserversorgung vor Ort.
Chlorothalonil zeigt, wie lange Folgen nachwirken können
Besonders deutlich wird die Langzeitwirkung am Fungizid Chlorothalonil. Es wurde seit den 1970er-Jahren eingesetzt; seit 2020 darf es in der Schweiz nicht mehr angewendet werden. Trotzdem belasten seine Metaboliten das Grundwasser weiterhin grossflächig.
Das BAFU weist für 2024 sieben Metaboliten mit Konzentrationen von mehr als 0,1 Mikrogramm pro Liter aus. Der Metabolit R471811 überschreitet diesen Wert im Mittelland an mehr als der Hälfte der Messstellen; landesweit ist mehr als jede vierte Messstelle betroffen. In mehr als der Hälfte der Kantone wurden solche Konzentrationen festgestellt. (bafu.admin.ch)
Das ist kein Widerspruch zu einem Verbot. Grundwasser erneuert sich langsam, und langlebige Abbauprodukte können im Boden und Untergrund über Jahre weitertransportiert werden. Eine Massnahme kann deshalb wirksam sein, lange bevor sie in einer Messreihe sichtbar wird.
Grenzwert und Gesundheitsrisiko sind nicht dasselbe
Für relevante Pestizidwirkstoffe und relevante Metaboliten gilt in der Schweiz grundsätzlich ein Höchstwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter. Dieser Wert ist vorsorgebasiert und dient dem Schutz der Trinkwasserressourcen sowie der langfristigen Sicherung der Trinkwasserqualität. Grundwasser, das als Trinkwasser genutzt wird oder dafür vorgesehen ist, muss so beschaffen sein, dass es nach einfachen Aufbereitungsverfahren die Anforderungen der Lebensmittelgesetzgebung erfüllt. (bafu.admin.ch)
Der Höchstwert ist jedoch nicht für jeden Stoff mit einer individuellen toxikologischen Wirkungsschwelle gleichzusetzen. Eine Überschreitung muss abgeklärt werden, bedeutet aber nicht automatisch eine akute Vergiftung beim Trinken. Umgekehrt sollte eine Belastung nicht verharmlost werden: Vorsorge bedeutet, vermeidbare Einträge möglichst gar nicht erst entstehen zu lassen.
Wie ein Risiko tatsächlich beurteilt wird
Ob ein bestimmter Stoff gesundheitlich relevant ist, hängt nicht allein davon ab, ob er nachweisbar ist. Bewertet werden der Wirkstoff oder Metabolit, die gemessene Konzentration, die Häufigkeit und Dauer der Exposition, toxikologische Eigenschaften sowie mögliche Kombinationen mit anderen Stoffen. Auch besonders empfindliche Personengruppen können berücksichtigt werden.
Das BLV unterscheidet deshalb zwischen dem analytischen Nachweis, einem vorsorgebasierten Höchstwert und der konkreten gesundheitlichen Bewertung. Für zugelassene Pflanzenschutzmittel gelten umfassende Prüfungen; bei vorschriftsgemässer Anwendung sollen sie Konsumierende nicht gefährden. (blv.admin.ch)
Für Gewässer zählt ein anderer Massstab
Pestizide wirken biologisch – genau deshalb werden sie eingesetzt. Gelangen sie ausserhalb ihres vorgesehenen Einsatzortes in die Umwelt, können sie empfindliche Nichtzielorganismen treffen. Besonders kleine Fliessgewässer in intensiv genutzten Gebieten können nach Niederschlägen vorübergehend höheren Konzentrationen ausgesetzt sein.
Eine Konzentration, die für die Trinkwasserbewertung des Menschen anders eingeordnet wird, kann für Wasserorganismen trotzdem relevant sein. Gewässerschutz schützt daher nicht nur deine künftige Trinkwasserversorgung, sondern auch Lebensgemeinschaften, die auf intakte Bäche und Flüsse angewiesen sind.
Die wirksamste Lösung beginnt an der Quelle
Aufbereitung kann Belastungen mindern. Nachhaltiger ist es, problematische Stoffe gar nicht erst in Boden und Wasser gelangen zu lassen. Dazu gehören eine standortgerechte Bewirtschaftung, präzise Anwendungen, passende Schutzabstände zu Gewässern und – wo sinnvoll – mechanische, biologische oder andere nichtchemische Verfahren.
Auch bei unvermeidbaren Anwendungen zählt die Ausführung: Wetter und Bodenzustand müssen berücksichtigt, Abdrift und Abschwemmung technisch reduziert werden. Geräte gehören nicht in der Nähe von Schächten oder Gewässern befüllt oder gereinigt. Restmengen und Verpackungen sind fachgerecht zu entsorgen; eingesetzt werden dürfen Pflanzenschutzmittel nur gemäss ihrer Zulassung.
Die Forschung entwickelt dafür immer genauere Grundlagen. Agroscope erstellt unter anderem Risikokarten für rund 22'000 kleine Einzugsgebiete und untersucht, wo Abschwemmung, Erosion, Drainagen oder Punktquellen besonders relevant sein können. (agroscope.admin.ch)
Was Wasserversorgungen tun können
Wenn eine Belastung festgestellt wird, stehen je nach Situation mehrere Möglichkeiten offen: Eine andere Fassung kann genutzt, Wasser aus verschiedenen Quellen kann gemischt oder eine zusätzliche Aufbereitung eingesetzt werden.
Für organische Spurenstoffe kommen beispielsweise Aktivkohle, oxidative Verfahren oder Membrantechnologien infrage. Welche Methode funktioniert, hängt vom Stoff, seiner Konzentration und der Wasserzusammensetzung ab. Ein Verfahren, das einen Wirkstoff zuverlässig entfernt, muss deshalb nicht automatisch auch jedes Abbauprodukt gleich gut zurückhalten.
Die lokale Trinkwasserqualität kennen die zuständige Wasserversorgung und die kantonalen Fachstellen. Wenn du wissen möchtest, wie die Situation bei dir aussieht, sind sie die verlässlichsten Anlaufstellen.
Hauswasserfilter: entscheidend ist der Nachweis
Bei privaten Filtern sind pauschale Werbeaussagen wenig hilfreich. «Filtert Pestizide» sagt nicht, welcher Wirkstoff unter welchen Bedingungen tatsächlich reduziert wird.
Achte deshalb auf konkrete Vorher-Nachher-Analysen, unabhängige Laborresultate, Angaben zum Filtermedium, zur Kontaktzeit und zur Betriebsdauer sowie auf einen klar dokumentierten Unterhalt. Entscheidend ist die nachgewiesene Reduktionsleistung für den Stoff, der in deinem Wasser tatsächlich vorkommt.
Die Zukunft liegt nicht in einer einzelnen Massnahme
Neue Messmethoden machen heute mehr Abbauprodukte sichtbar als früher. Gleichzeitig entwickeln sich Landwirtschaft und Pflanzenschutz weiter: Präzisere Applikationstechnik, Prognosemodelle, resistente Sorten, mechanische Verfahren, biologische Strategien und digitale Werkzeuge können helfen, Anwendungen gezielter zu planen.
Entscheidend ist dabei nicht nur die eingesetzte Menge. Massgeblich ist das Risiko, das eine Anwendung für Menschen, Böden, Gewässer und Ökosysteme verursacht. Wirksamer Grundwasserschutz verbindet deshalb Vorsorge an der Quelle, langfristiges Monitoring, wissenschaftliche Risikobewertung und gezielte Aufbereitung.
Fazit: Was heute in den Boden gelangt, bleibt lange relevant
Pestizide und ihre Metaboliten sind in Teilen des Schweizer Grundwassers nachweisbar. Besonders die Abbauprodukte zeigen, dass ein Wirkstoffverbot die Vergangenheit nicht sofort aus dem Untergrund verschwinden lässt. Gleichzeitig ist ein Befund im Grundwasser nicht automatisch eine Aussage über ein akutes Gesundheitsrisiko im Trinkwasser.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, ob ein Stoff nachweisbar ist. Sie lautet: Wie gelangt er ins Wasser, wie lange bleibt er dort, welche Wirkung hat er – und erreicht er überhaupt das Wasser aus deinem Hahn?
Wer diese Fragen sauber trennt, erhält weder Entwarnung noch Panik, sondern eine belastbare Grundlage für die wichtigste Konsequenz: Einträge vermeiden, Wasserressourcen überwachen und dort handeln, wo konkrete Risiken bestehen.
Quellen und weiterführende Informationen
- Bundesamt für Umwelt BAFU – Grundwasser-Qualität – aktuelle Schweizer Daten zu Pestiziden und Pestizid-Metaboliten im Grundwasser.
- Bundesamt für Umwelt BAFU – Chlorothalonil im Grundwasser – aktuelle Informationen zu Metaboliten, Messdaten und Anforderungen an die Grundwasserqualität.
- Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV – Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in Lebensmitteln – Informationen zu Risikobewertung, Höchstgehalten und Chlorothalonil.
- Agroscope – Pflanzenschutzmitteleinträge – Forschung zu Erosion, Abschwemmung, Auswaschung, Drainageabfluss und Hofplatzentwässerung.
- Agroscope – Pflanzenschutzmittel: Wirkung, Risiken und Forschung – Schweizer Forschung zu Verhalten, Umweltrisiken und alternativen Pflanzenschutzstrategien.